Inge Buschmann texte

Belinda Grace Gardner, Kunsthistorikerin und Kuratorin
Zur Ausstellung "Real existierende weihnachtsfreie Zone" im Künstlerhaus Sootbörn, Dezember 2013

Nun zur nächsten Etappe dieser Ausstellung, der kühl-geometrischen Innenansicht einer U-Bahnstation von Inge Buschmann, die prominent an der Stirnwand des Raums zu sehen ist. Die Arbeiten der aus Gelsenkirchen stammenden Künstlerin, die in Krefeld und Essen studiert hat, und in Hamburg sowie in Australien lebt, haben eine stark grafische Struktur. Natur-, Stadt- und Raumkompositionen wechseln sich in ihrer Malerei ab. Doch sind selbige stets von Flächen, Balken, scharfkantigen Formen und Konturen, von Mustern und klar umrissenen Farben bestimmt. Das hier präsentierte Bild gehört zu einer ganzen Gruppe von Szenen urbaner U-Bahn-Systeme, wobei die Künstlerin hier auf eine örtliche Fixierung zugunsten einer eher typisierten Darstellung verzichtet. Ebenso wie bei ihren städtischen Gebäudefassaden oder reduzierten Innenräumen mit Türöffnungen zu dahinter liegenden, nur im Ausschnitt sichtbaren Räumen, wo solitäre menschliche Figuren platziert sind, handelt es sich tendenziell um "generische" Orte, die überall sein könnten und in ihrer Stilisierung formale Eigenschaften in den Fokus rücken. Wobei sie, trotz ihrer direkteren Anmutung, zugleich von einer eigenartigen, mysteriösen Stimmung erfasst sind: einer Entrücktheit oder auch ein Auf-sich-selbst-Zurückgeworfensein, das ihnen etwas Hermetisches, in sich Geschlossenes verleiht. "Stadtauswärts" heißt die Malerei in Öl und Tinte auf Leinwand, die den Blick hineinzieht, an versetzten Kreisen und Farbfeldern vorbei, die ein Muster aus Negativ- und Positivformen ergeben, und in eine Tiefe jenseits des Bildes führen: einem unsichtbaren Raum außerhalb der Sichtweite. So als schaue man im Vorbeigehen aus dem Augenwinkel auf eine Kachelwand neben den Schienen, beim Ankommen oder Weggehen: als Nachbild oder Bei-Bild, das das Warten auf den Zug flankiert. Dunkle Verstrebungen deuten eine Decke an, unterstützen den Eindruck von Räumlichkeit, wobei die strenge Schwarzweiß-Musterung eines kleinen Vierecks am Gleisrand wieder die grafische Zweidimensionalität hervorhebt, die sich als formales Leitmotiv durch die Arbeiten der Künstlerin hindurch zieht. Dieser urbane Ort strahlt in seiner Menschenleere und gleichmäigen Ausleuchtung eine intensive Abgeschiedenheit aus. Die Doppelbödigkeit tritt hier in Gestalt plakativer Farben und konziser Formen auf. Doch ist die entvölkerte U-Bahnstation ein Ort im Schwebezustand, außerhalb aller Orte, eine, im Sinne des französischen Theoretikers Michel Foucault, "Heterotopie", in dem die gesellschaftliche Wirklichkeit gleichzeitig eingezeichnet ist und sich durch die Wendung in die Abstraktion verliert. Der Durchgangsort wird zur Projektionsfläche des Reisens, der Transitstrecke von A nach B, aber auch zum Unort, an dem kein Bleiben möglich ist. (Auszug der Einführungsrede)
Hamburg, Dezember 2013

Christiane Opitz, Palais für aktuelle Kunst, Glückstadt
Zur Ausstellung "Tatorte" im Kunstverein Schenefeld, September 2009

Es ist schwer, sich der seltsam melancholischen und bisweilen düsteren Stimmung der Bilder Inge Buschmanns zu entziehen. Verlassene Interieurs, Außenansichten auf ein Gebäude oder eine Umgebung oder der Blick auf ein rätselhaftes Detail sind Motive, die in der Malerei der in Hamburg und Australien lebenden Künstlerin zu sehen sind. Was vermittelt uns diesen Eindruck von Einsamkeit? Ist es die Abwesenheit von Menschen, wie in den meisten ihrer Arbeiten oder die ganz besondere Farbigkeit vieler Arbeiten? Ist es die unheimliche Lichtstimmung, die auf den Werken ihrer aktuellen Reihe - ihrer Tatorte - nur das Wichtigste erhellt und alles andere in tiefes Schwarz taucht? Möglicherweise ist es aber auch das, was man nicht sieht und der Fantasie des Betrachters überlassen wird. Betrachten wir zunächst einmal Buschmanns Tatort 6. Hinter einem rot-weißen Absperrband, das ganz offensichtlich auf einen Tatort verweist, steht eine übergroße Straßenlaterne, die als einzige Lichtquelle das Szenario erhellt. Ein Haus wird im Lampenlicht sichtbar. Nur zwei grau-blaue Hauswände und einige Fenster... ein Dach ist nicht auszumachen. Vor dem Haus: Ein großer Busch, der die Fensterfront zum Teil verdeckt und einen Blick in das Innere des Gebäudes nicht zulässt. Bei einem erneuten Betrachten macht plötzlich die Lichtsituation stutzig: Es scheint, als wäre es die Laterne nicht allein, die hier Licht ins Dunkle bringt. Ist ihr relativ kleiner Lichtkegel, den man auf dem Boden sieht, wirklich in der Lage, das Haus in der Form auszuleuchten? Möglicherweise gibt es noch weitere Lichtquellen, die Buschmann aber nicht zeigt. Vielleicht einen Polizeischeinwerfer, der aus einiger Entfernung die Szenerie beleuchtet. Genauso rätselhaft bleibt, was in diesem Haus wohl geschehen sein mag. Warum kommt dieses Haus uns, den Betrachtern, bekannt vor? Erst der inoffizielle Titel dieser Arbeit bringt Klarheit: Fritzl lautet er. Zu sehen ist also jenes Haus im österreichischen Amstetten, das im letzten Frühjahr im Fokus der Weltöffentlichkeit stand, weil es 24 Jahre lang ein dunkles Geheimnis barg. Lässt sich Buschmann also immer von realen Ereignissen inspirieren? In Tatort 7 sehen wir einen jungen Mann ausgestreckt auf dem Boden liegen. Seine Haut ist blass. Er trägt einen dunklen Anzug, der seinen Unterleib im Schwarz des Hintergrunds verschwimmen lässt. Im Kontrast zur schlichten Erscheinung des Mannes stehen die auffällig gemusterte Wand und der Boden. Während der Teppich eine rot-beige Karostruktur aufweist, ist die Tapete in einem komplementären Grün gehalten. Ein unruhiges Zickzackmuster ist darauf zu sehen, das sich zur Bildmitte hin mit dem Schwarz des Hintergrunds vermischt. Hier offenbart sich eine auffällige stilistische Vorliebe Inge Buschmanns - ihr Interesse für farbenfrohe Muster und Strukturen. Sie sind es, die ihre erzählerischen Werke um eine abstrakte Komponente und ein ästhetisch anspruchsvolles Element bereichern. Oft stehen ihre ausgefallenen, fröhlichen Muster im krassen Gegensatz zur dargestellten Szene. In diesem Fall jedoch wirken Farben und Strukturen genauso verstörend wie der Anblick des Toten selbst. Es scheint, als unterstreiche die Künstlerin mit der von ihr gewählten aggressiven Farbigkeit die ungeheuerliche Tat, die sich hier ereignet haben mag. Doch ist hier wirklich jemand ermordetet worden? Wir können es nur vermuten. Vielleicht hat sich ja hier nur jemand zum Schlafen hingelegt. So wie in ihrer Arbeit Dubai, mit der Buschmann den Betrachter bewusst in die Irre führt. Auf diesem Bild liegen zwei Gestalten auf einem wellengemusterten Teppich, dicht an einer dunklen Wand. Während die eine Gestalt komplett mit einer orangefarbenen Decke bedeckt ist, sind von der vorderen Person zumindest Füße und ein Hosenbein zu sehen. Am rechten Bildrand liegen zwei Koffer. Der Titel Tatorte, unter dem die Bilder hier im Kunstverein Schenefeld zu sehen sind, legt den Schluss nahe, dass es sich auch bei den hier dargestellten Menschen um Mordopfer handelt. Doch hier irrt der Betrachter. Tatsächlich zeigt diese Arbeit nämlich asiatische Wanderarbeiter, die auf dem Flughafen in Dubai auf ihren Abflug warten. Was ist wahr? Und was Inszenierung? Welche Macht haben Bilder? Dieses sind Fragen, die Inge Buschmann beschäftigen. Sie bedient sich medialer Vorlagen, die sie aus dem Fernsehen, Zeitungen, Filmen und aus dem Internet aus ihrem Kontext holt und für ihre Malerei verwendet. Dabei werden die Vorlagen nicht etwa eins zu eins übernommen, sondern von der Künstlerin in ihrem eigenen, individuellen Duktus verfremdet. Oftmals durch leicht verschobene Größen und Perspektiven sowie durch den bereits erwähnten Einsatz von Farbe und Texturierung. Außerdem lässt die Künstlerin ihr unwichtig erscheinende Details aus der Vorlage beim Malen weg. So entstehen völlig neue Tatorte, die trotz künstlerischer überarbeitung nichts von ihrer unheimlichen Aura einbüssen. Dass es nicht unbedingt Menschen braucht, um Einsamkeit und Unbehagen darzustellen, zeigen neben dem Fritzl-Haus u.a. die Werke Pathologie und Grüner Raum. Während in Grüner Raum die Anwesenheit von Menschen gänzlich fehlt und lediglich mit Licht und leeren Untersuchungstischen Stimmung erzeugt wird, ist in Pathologie eine indirekte menschliche Präsenz vorhanden. In einem grau gekachelten Raum zeichnen sich zwei Körper unter weißen Laken ab. Die Arbeit Tatort 5 (Leichentuch) ist sogar noch reduzierter - und vielleicht deshalb beunruhigender. In einem Lichtkegel liegt ein Körper, völlig bedeckt von einem weißen Tuch. Der Rest des Bildes ist schwarz. Es mag verwundern, dass Buschmann, die seit 1995 immer eine Hälfte des Jahres im sonnigen australischen Byron Bay verbringt, sich derart düsteren Themen verschrieben hat. Naturdarstellungen und Landschaften tauchen in ihrem Werk so gut wie gar nicht auf. Wenn die Künstlerin Elemente aus der Natur - eine Hecke oder einen Strauch - verwendet, werden diese wie Teile einer Kulisse behandelt oder als willkommenes Muster in die Komposition integriert. Offensichtlich gelingt es der Künstlerin, sich unabhängig von ihrem aktuellen Aufenthaltsort auf ihre sehr klaren Bildräume zu konzentrieren. So entsteht ein Werk, dem nicht anzusehen ist, welche Arbeiten in Hamburg entstanden sind und welche in Australien. Das einzige Indiz für die Reisefreudigkeit der Künstlerin mögen Titel wie Heimweg, Abschied oder Unerwartete Rückkehr sein. Inge Buschmann gelingt es, mit klar strukturierten Bildkompositionen Emotionen wie Einsamkeit, Melancholie und Unbehagen hervorzurufen. Sie kombiniert narrative Elemente mit abstrakten Formen. Oft fokussiert sie dabei auf Details, die aus größeren Zusammenhängen herausgenommen zu sein scheinen und denen sie einen Großteil des Bildraumes zugesteht. Nicht selten handelt es sich dabei um banale Gebrauchsgegenstände oder - wie in ihrer aktuellen Tatortserie - um mysteriöse Räume. Durch bewusstes Weglassen und veränderte Perspektiven öffnet die Künstlerin neue Interpretationsräume und stellt dem Betrachter Bühnen für eigene Ideen und Gedanken bereit. (Gekürzte Version der Einführung)
Hamburg, September 2009

Nils Schoenholtz, Galerie Hamburger Kunstprojekt
Zur Malerei von Inge Buschmann

Inge Buschmann weist sich mit ihrer Arbeit als Vertreterin der realistischen Malerei aus. Vom Klassizismus des 19. Jhd. über den Fotorealismus in den 60er Jahren bis zu aktuellen Produktionen der Leipziger Schule erstreckt sich diese Strömung, die sich in immer neuen Facetten der Abbildung von Wirklichkeit verschreibt. Sozialkritik oder Metaphysik wie bei Caspar David Friedrich, die Suche nach dem Erhabenen, die Ordnung hinter dem Augenscheinlichen und Sichtbaren fasziniert Künstler immer wieder. Inge Buschmann wählt für ihre Motive häufig menschenleere, aber von menschlicher Präsenz geprägte Orte. Ein Wasserschlauch am Haken, ein Sonnenschirm, ein einsame Gartenlaterne - die Zivilisation ist allgegenwärtig; ihre Schöpfer spielen eher eine Nebenrolle. Die abgebildeten Gegenstände liefern Hinweise, trotzdem bleibt eine merkwürdige Leere. Der geschlossene Sonnenschirm (Sonnenschirm im Lapa Palace) vor bedrohlich dunklem Hintergrund wirft Fragen auf: Warum stehe ich hier, welche Geschichte führte mich an diesen Ort, wie geht es weiter? Es entsteht eine Spannung, die sich auch im Formalen spiegelt: Der mittig angeordnete Schirm, Dreieck und Gerade, gehen in Konfrontation zum organisch ungeordneten Hintergrund des Blattwerks. Die Komposition ist allgegenwärtig, der Komponist hält sich im Hintergrund. Welche Wirklichkeit ist zu sehen? Die Orte, die Inge Buschmann wiedergibt, sind nicht real. Ihre Motive entstehen als Konvolut verschiedener Eindrücke. Australien und Europa, Landschaft und Zivilisation werden im Atelier in ihre Form gegossen. Wie aus einem Setzkasten werden Eindrücke, Gegenstände und Stimmungen im Rahmen positioniert und einem präzisen Gestaltungswillen unterworfen. Die Realität liefert die Bausteine für die Komposition. Hartes, gleißendes Licht, erlebt in Australien, erwacht im Hamburger Atelier zu neuem Leben. Motive, Licht und erlebte Stimmung werden zu etwas Neuem geformt. Es geht also nicht nur um die Abbildung von Realität, vielmehr geht es um das Erzeugen einer Stimmung, die aus dem Unterbewussten hervorgeholt wird. Man hat das Gefühl, die Orte zu kennen, ohne sie jedoch benennen zu können. Hier liegt etwas über der Realität, es wird surreal - beunruhigend und gleichzeitig vertraut. Ordnung und Chaos, Kontrolle und Suche nach der formalen Balance lassen die Alltagsszenerien in der Malerei von Inge Buschmann zur spannenden Gratwanderung werden.
Hamburg, Juli 2008

Das Fotoalbum: Auf der Spur des Ungewöhnlichen im Alltäglichen

Betrachtet man die realistische Malerei von Inge Buschmann, stellt sich die Frage nach den Quellen. Dieses Fotoalbum kann dazu einige Hinweise liefern. Es sind nicht die exotischen Orte, die die Dimension dieser Arbeiten ausmachen, vielmehr ist es der besondere Blick auf das Motiv. Ob ein ver­ lassener Turm in Hamburg oder eine Stras­ senlampe in Neuseeland, in den ‚Schnapp­ schüssen‘ geht es fast immer um Zivilisation und Leere. Menschen spielen eine unter­ geordnete Rolle, wenn auch ihre Produk­ te allgegenwärtig sind. Diese Spuren sind oft banal, werden aber durch die Wahl des Bildausschnitts und der Perspektive zu ver­ lorenen Ikonen der Zivilisation. Zwei Lüf­ tungsrohre silbern aus grüner Wiese ragend ­ abstrakte Skulptur oder Zivilisationskritik? In Buschmanns Fotos sind die Orte un­ wichtig: Australien oder Hamburg, Mallorca oder Neuseeland ­ es geht Inge Buschmann nicht um den glatten, scheinbar schönen und spektakulären Blick auf ‚Urlaubspara­ diese‘, sondern das ‚Dahinter‘. Die Fotos sind nicht ‚clean‘, sie haben Patina. Vergilbte Schilder, rostende Autos, die Kaugummiau­tomaten an der bröckelnden Hauswand ­ sie alle haben bessere Tage gesehen und sind doch in der jetzigen Form einzigartig. Neben den Motiven fällt die Farbigkeit auf. Verlassene Gartenstühle, verdreckt und mit deutlichen Altersspuren, setzen mit Hellblau, Rosa und Gelb Akzente auf grünem Rasen. Eine blaue Plastiktonne steht neben einer grünen Gießkanne. Inge Buschmann arbeitet auf ihren Fotos mit Farben, mischt sie wie auf einer Palette und setzt sie gegeneinander. Farbreihen und Farbraster entstehen. Der Ständer mit Badeschuhen wird zur Bühne für eine Farbschlacht. Farbkompositionen, spek­ takuläre Kontraste, zufällig vorhanden und unbeachtet, werden konsequent aufgespürt und aus ihrem Dornröschenschlaf gerissen. Die in diesem Heft zusammengestellten Fotos sind keine Dokumentation und kein Skizzenbuch. Sie sind Ausdruck einer sen­ siblen Wahrnehmung von Orten und Gegen­ständen, subjektiv und persönlich.

Hamburg, August 2008

Gail McDermott, Tweed River Regional Art Gallery
Inge Buschmann's Exhibition at the Tweed River Art Gallery

Inge Buschmann's paintings present the viewer with open situations - sites of action or stages that provide seemingly trivial matters with room and recognition. How often have we seen similar scenes and taken no notice? For some, these views of the mundane arouse direct memories, for others they evoke a melancholy mood that mirrors personal or universal feelings of loneliness. Even if figures appear in the pictures, going about their work, everything stays eerily still. Only through the observer's reflection does the artist's cool casualness widen into a more complex narrative. Buschmann's clear and uncomplicated visual composition gives the viewer immediate access to questions - questions that keep us fascinated.
Murwillumbah, September 2007

Anton C. Kunze, Galerie Hafenrand, Hamburg
Stille Bühnen der Einsamkeit

Die offenen Szenen, abstrahierten Landschaften in gedeckten Farben oder auch die aus vollfarbigen oder verlaufenden Farbflächen zusammengebauten Wirklichkeiten auf Inge Buschmanns Bildern bilden einen eher grob umrissenen Handlungsraum. Wären nicht die Bildtitel, Schriftzüge, spezielle Werkzeuge oder andere Bildgegenstände, die auf eine Lokalisierung hinweisen, man hätte das Gefühl eines tatsächlichen Irgendwo im Nirgendwo. Dubai, Amalfi oder der einsame Bauwagen auf freiem Feld markieren zwar Orte, doch die Bildmotive scheinen auf eine Heimatferne hinzuweisen und verströmen eine seltsame Verlassenheit. Die Reisen der Malerin und auch das stete Pendeln zwischen Deutschland und der halbjährlichen Wahlheimat Byron Bay wirken sich nicht nur in direkter Weise - als Bildquelle - aus. Die Frage nach dem Gefühl, was uns zu einem Ort Vertrauen schenken lässt und was davon in der Erinnerung bleibt, wenn wir ihn längst verlassen haben, scheint sie ebenso zu berühren, wie die nach den Empfindungen bei Wiederkehr und sei es nicht die tatsächliche Wiederholung sondern eher die indifferenten Gefühle eines Déjà-Vu. Da lehnt ein Reifen an sonnengefluteter Garagenwand (El Arish), ein eingeklappter Stuhl sichert den aufgeblasenen Badeseestern auf dunklem Fliesengrund (Huckepack) und nur sanft bewegt sich das Wasser im verlassen liegenden Pool (Pool in the Blue Mountains). Inge Buschmann entwirft Bühnen, die auf den Auftritt der Akteure zu warten scheinen und doch längst Schauplatz des Wesentlichen sind. Die offensichtliche Nebensächlichkeit, der die Malerin Platz und Geltung verschafft, erzeugt ein zwiespältiges Gefühl. Man kennt das. Tausendfach haben wir ähnliche Ansichten erlebt, wohl nur im Augenwinkel gehabt und nicht beachtet. Und wenn es vielleicht eben nicht direkte Erinnerungen sind, die ihre Bilder in uns wecken, so bleibt eine melancholische Teilhabe, die uns auf uns selbst und unsere Einsamkeiten zurückwerfen vermag. Selbst wenn Personen auf den Bildern erscheinen oder gar ihrer Arbeit nachgehen, bleibt es unheimlich still. Die Malerei einer Künstlerin, die zwischen der "alten" und der "neuen" Welt wandelt, bedient sich entsprechender Mittel. Sie nähert sich stilistisch nicht von ungefähr einem Realismus mit teilweise exemplarisch eingesetzter Entfremdung, Verzerrung und Vereinfachungen, die jedoch gegenständlich abgegrenzt, dadurch surrealistisch anmutende Bildgegenstände oder einen rätselhaften Aufbau des Bildraumes (z.B. Kindheit) transportiert wird. Diese Quasi-Surrealismen erzeugen eine gewisse Mystik, die in der modernen Zeit verortet, die subjektive Motivation der Künstlerin zum von uns allen Erlebbaren transferiert. Neben dem "Geschichten erzählen" spielt das Auratische eine erhebliche Rolle. Edward Hoppers einsame Szenen mögen einem in den Sinn kommen; Alex Katz bereitete den Weg für ähnlich unspektakulär aufgeräumte und gerade dadurch konzentrierende Figurationen und auch die Nennung des Australiers Jeffrey Smart ordnen Buschmanns Werk vorstellbar ein - für den, der kein Auge auf die Bilder selbst geworfen und damit Buschmanns Eigenheiten entdeckt hat. Denn Inge Buschmanns coole Beiläufigkeit erweitert sich erst beim Betrachter und seiner Reflektion zur komplexen Geschichte. Ihre strenge Linienführung, Flächenaufteilung und Figuration sorgen kompositorisch für vorgeblich klare Verhältnisse. Die geschaffene Aufgeräumtheit und der bewusst ohne nur sich selbst bedienenden Zierrat gehaltene Blick wirken verstärkend auf die Stimmungslage des Bildinhaltes und dessen Erfahrbarkeit. Inge Buschmann ermöglicht gerade durch die formale Strenge einen noch unmittelbareren Zugang zu entstehenden inhaltlichen Rätselfragen, die uns fesseln.
Hamburg, September 2007

Anton C. Kunze, Galerie Hafenrand, Hamburg
Zur Ausstellung "Begegnungen" in Hamburg im Mai 2006

Der Malerei von Inge Buschmann auf die Spur zu kommen, ist nicht so einfach, wie es sich vielleicht im ersten Moment anzulassen scheint. Es ist interessant zu wissen, dass die Künstlerin halbjährlich den Wohnort zwischen Deutschland und Australien wechselt, nicht jedoch ihre Beschäftigung mit Pinsel und Farbe. Nach einigen Jahren des Wechsels wird dieser routiniert vollzogen und es ist offensichtlich, dass sich die Identität des Werks nicht aus zwei für sich getrennten Seiten speist. Vielmehr schöpft Buschmann aus der Gesamtheit der Erfahrungen, die eine solche Bilokalität zu bieten hat. So sind die vorliegenden Arbeiten in den letzten Jahren in Hamburg und Byron Bay entstanden, wobei sich keine Down Under- bzw. Hamburger Linie herausbildet. Letztlich ist es der Ausdruck, eine Heimat in sich selbst tragen zu können und das an jedem Ort. Das Vermögen, den eigenen Erinnerungsraum auf neue Welten zu spannen, erhöht den Spielraum erzählerischer Abstraktion auch in der Malerei. Nähert man sich Inge Buschmanns Motiven inhaltlich, entwickelt sich das Erzählerische rückbezogen. Es scheinen gegenwärtige Abbilder einer Vergangenheit zu sein, deren dargestellte Situationen bzw. Handlungen wie ein alter Bekannter eher die guten Zeiten in uns berührt als den überstandenen Ernst des Lebens zu repetieren. Sicher, ein gewisses melancholisches Element ist trotz der oft distanzierenden Beobachtungsperspektive unübersehbar - ob beim Tanz zur Goldenen Hochzeit oder dem Blick auf den ungespannten Sonnenschirm vor fliegendem Grün. Es scheint nicht wesentlich für Buschmanns Werk zu sein, wann Personen erscheinen und wann sie fehlen. Menschen beim Feiern, eine Szene auf der Straße, der Schattenwurf einer Balkonbrüstung, ein einsamer Sonnenschirm im nächtlichen Wind - Bilder, die die Künstlerin meist beiläufig auffängt und welche zum festen Inventar ihrer Erinnerungskultur werden, um ihnen später als Motiv der Malerei erneut zu begegnen. Inge Buschmann spielt wohl eher intuitiv mit der Symbolhaftigkeit ihrer Darstellung. Während eine gelb-schwarz gestreifte Bake (Max Headroom) formales Mittel und inhaltliches Warnsignal zugleich ist, fällt es bei anderen Werken (Z.B. 5 Schubkarren) vor dem Hintergrund der Reflektionsarbeit der Künstlerin schwer, einen solch multidirektionalen Komplex zu erkennen. Ähnlich wie die nüchtern betitelten Goldene Hochzeit, Capri oder Sonnenschirm im Lapa Palace bietet 5 Schubkarren mehr eine Projektionsfläche denn vermeintlich zu entschlüsselnden Code. Erlebbar wird somit Buschmanns Strategie, über das Verhältnis der Bildgegenstände zueinander, ihre Interaktion oder situative Raumbeziehung Stimmungslagen zu produzieren, die durch die klare Struktur der Bildräume gehalten werden. Der Titel Begegnungen mag nach einer gewissen Verlegenheit klingen: Auf der Suche nach dem schmerzfreien Deckel, unter den die Exponate einer vielschichtigen und bisweilen indifferenten Thematik wie auch der Umgang mit der eigenen Erfahrungswelt passen. Faktisch aber gibt er einen Hinweis auf den selbstreflektierten Umgang mit diesen Erinnerungssujets und ist ein Stück Lösung zugleich; denn man begegnet tatsächlich nur, wenn man sich selbst bewegt.
Hamburg, Mai 2006

Anton C. Kunze, Galerie Hafenrand
"The View of the Mundane" - Tweed River Regional Art Gallery

Inge Buschmann's paintings depict open situations that provide scope for suggested action. Without text, tools or other objects indicating a location, the predominant impression is that of an actual somewhere in nowhere. For example, the work titled Dubai or the lonely Bauwagen set in an open landscape, do mark locations, yet simultaneously exude a strange desertedness. The painter's journeys and constant travel between Germany and Australia (her adopted country) influence her feelings and imagination. This movement between two different homes provokes the questions "what makes us trust in a place and what about it remains in our memory?" Inge Buschmann creates dramatic stages that appear to be waiting for the players involved, yet they are already the scenes of the essential: there's a tyre leaning on a sun-lit garage wall in El Arish; a folded chair secures an inflated starfish on dark tiles in Huckepack; and water moving gently in the abandoned pool of Pool in the Blue Mountains. The painter provides room and recognition to evidently trivial matters, thus creating a conflicting mood. How often have we observed similar scenes and taken no notice? For some, these views of the mundane arouse direct memories; for others they evoke a melancholy mood that mirrors personal or universal feelings of loneliness. Even if figures appear in the pictures or are seen going about their work, everything remains eerily still. The artist's style intentionally employs alienation, distortion, and reduction. Contrasting elements, story telling and atmosphere or aura all play a substantial role in generating a surrealist impression. At first glance, Buschmann's work may be reminiscent of Edward Hopper's lonesome scenes, Alex Katz' unspectacularly clear and focussed figurations or Jeffrey Smart's stark views of urban alienation. However, a closer look reveals Buschmann's singularity. Only through the observer's reflection does the artist's cool casualness widen into a more complex narrative. Buschmann's clear and uncomplicated visual composition gives the viewer immediate access to questions - questions that keep us fascinated.
Hamburg, September 2007

Nicolaus Neumann, Redakteur art Kunstmagazin
Zur Ausstellung "Mensch und Raum" im Westwendischen Kunstverein im Juli 2011

Welche Wirklichkeit ist auf den Bildern zu sehen?, fragt Inge Buschmanns Hamburger Galerist Nils Schoenholtz und antwortet: Die Orte und Menschen, die Inge Buschmann wiedergibt, sind in realistischer Manier gemalt, aber sie sind nicht real. Die Welt, wie Inge Buschmann sie auf Reisen oder in ihren Heimatorten - Hamburg und Byron Bay, Australien - wahrnimmt, ist eine Trash-Welt, eine Müllhalde für die Relikte einer verkommenen Zivilisation, für missbrauchte Erinnerungen an bessere Zeiten. In ihrem Fotoalbum sind die Belege dafür zu finden. Auf ihren Leinwänden verwandelt sie diese Reste mit öl und Acryl in Metaphern einer neuen Eiszeit, die Menschen und Dinge quasi tiefgefroren hat. Unwillkürlich, sagt Nils Schoenholtz, sucht man nach Menschlichem, nach Gefühlen und Personen auf ihren Bildern. Auch diese findet der Betrachter, doch leider werden sie unseren Wünschen nicht gerecht. Für die künstlerische Fixierung dieser zivilisatorischen Katastrophe nutzt Inge Buschmann ihren eigenen Filter. Der lässt Farben passieren, aber keine leuchtenden, lässt die Sonne lediglich als überraschend präzise gemalte Schatten zu. Ansonsten herrscht meist diffuses, quellenloses Licht, das Menschen eigentlich nur als Hinweise auf Ereignisse illuminiert, die auf den Bildern keine - in den Köpfen der Betrachter vermutlich höchst individuelle Fortsetzungen finden. Dabei erzählen ihre Bilder keine Geschichten. Sie halten ausschließlich Momente fest, Segmente eines längeren Geschehens, Momentaufnahmen - hin und wieder Schrecksekunden - oder sie porträtieren trostlose Orte, hinter deren kargen Formen, ungelebtes Leben (ein Buschmann Bildtitel) stattfindet. Orte von trostloser Ortlosigkeit - ein bedrückendes, oft fahl beleuchtetes no-where-land. Edward Hoppers eher melancholisch leere Bilder fallen manchem beim Anblick der Buschmann-Bilder ein - doch die Künstlerin geht wesentlich radikaler an die Einsamkeit ran als ihr amerikanischer Kollege, vor allem ist sie dichter dran. Auf ihren Bildern kann man sich nicht in Interieurs verstecken. Was wir dort zu sehen bekommen, ist unausweichlich; die emotionslose, aber treffsichere Malerei der Inge Buschmann erlaubt keinen abschweifenden Blick. Eher als an Hopper erinnern mich einige der Bilder an das amerikanische Kino. Es ist gut 70 Jahre her, dass sogenannte hard-boiled Schriftsteller wie Dashiell Hammet oder Raymond Chandler erst in ihren Romanen und dann in deren Verfilmungen die große amerikanische Nachkriegsdepression zum Thema machten. Der Film noir war geboren. Er ist gekennzeichnet durch eine pessimistische Weltsicht, düstere Bildgestaltung und entfremdete, verbitterte Charaktere. Seine Helden sind schwach und verstört. Ihre Umwelt ist düster und verschlossen, die Schauplätze andeutungsweise bedrückend, schrieb der amerikanische Filmhistoriker Raymond Durgnat. Als ob er Inge Buschmanns Arbeiten gekannt hätte. Auch auf ihren Bildern hat die Farbe Schwarz einen prägenden, essentiellen Platz. Es ist ein Dunkel nicht nur vom Schwarz der Nacht allein, sagt Chandlers Romanheld, der Detektiv Philipp Marlowe. Noch mal zum Anfang und noch mal zu Nils Schoenholtz: Die Realität der Künstlerin hat nichts mit der Wirklichkeit zu tun, in der wir uns bewegen. Aber sie hilft uns, unsere Wahrnehmung zu schärfen, etwas Neues hinter Bekanntem zu entdecken, Unsichtbares sichtbar zu machen auch Gefühle, selbst wenn es bad feelings sind.
Gartow, Juli 2011

Nachhall der Wirklichkeit
Mensch und Raum: Arbeiten von Inge Buschmann in der Kunstkammer Gartow

Es sind Szenen, wie sie aus Filmen stammen könnten: Der Rücken eines Mannes, der aus einer offenen Tür ins dunkle Draußen starrt. Eine junge Frau, die überrascht in das Gesicht eines Mannes schaut, von dem der Betrachter nur den Hinterkopf sieht. Der Oberkörper eines Hingestreckten, ein Close-up. Ein Mann im Sessel vor einem toten TV-Gerät. Ein anderer vor einer geschlossenen Tür. Zwei Körper, unter schwarzem Tuch - schlafend? Tot? Schrecksekunden, Momente der Erwartung, Augenblicke des Staunens oder der Einsamkeit, gefrorenes Leben, Trostlosigkeit - erstarrte Zeit, erstarrte Gefühle sind in allen Bildern Thema, die Inge Buschmann seit Freitag in der Galerie Kunstkammer des Westwendischen Kunstvereins in Gartow ausstellt. Die Arbeiten der in Hamburg und Australien lebenden Künstlerin sind realistisch und doch evozieren sie ein Gefühl des Seltsamen, als zeigten sie Szenen nicht von dieser Welt. Das Alltägliche dieser Momentaufnahmen ist auf seltsame Weise transformiert, wie es in Traumszenen geschieht. Oder in jenen Bildern, die nach dem Ende eines Films für Sekunden im Betrachter nachhallen, die das getreue Abbild der Wirklichkeit, dass der Film zu zeigen vorgibt, ins Realsurreale überhöhen. Obwohl die Bilder von intensiver Farbigkeit sind, lassen sie am ehesten an Stills eines Schwarzweiß-Films denken. Viele Szenen wirken wie farbige Fassungen eines Moments aus einem Film noir. Härte und Schärfe von Konturen und Farbkontrast sind dafür verantwortlich. Die Farben der Arbeiten in Öl und Acryl sind eines der Mittel, die die Szenen in eine Halbwirklichkeit transformieren: radikal und klar, sozusagen die Essenz einer Farbe - und genau darin über sie hinausgehend. Wichtig ist der Kontext von abgebildeten Menschen und dem Raum, der sie umgibt. Oft sind diese Räume von prägnanten Mustern erfüllt, unruhige Farbwechsel grundieren das scheinbar Vertraute der Szenen mit einem leisen, aber bohrenden Unbehagen. Andere Arbeiten erzielen diesen Effekt durch die grelle Präsenz einer Farbe, die in die gezeigten Menschen hineinzustrahlen scheint. Und trotz aller grellen Farbigkeit ist Dunkel in den Bildern präsent."Die Realität der Künstlerin hat nichts mit der Wirklichkeit zu tun, in der wir uns bewegen", sagt der Hamburger Galerist Nils Schoenholz. Nichts - und doch sehr viel. Indem die Bilder dem scheinbar Vertrauten den Boden unter den Füßen wegziehen, werden sie zu Werkzeugen, die etwas Neues hinter dem Bekannten entdecken lassen. Um es mit Franz Kafka zu sagen: Man weiß nicht, welche Dinge man im eigenen Haus vorrätig hat.
Gartow, Juli 2011